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Als Bobby Vasquez wegen eines Termins angerufen hatte, war Mary Ann Jager selbst ans Telefon gegangen. Jetzt wusste er auch, wieso: Das winzige Vorzimmer der Anwältin roch nach Erfolglosigkeit. Es gab keine Sekretärin, und die Empfangstheke war leer und mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Vasquez klopfte an den Rahmen eines offenen Durchgangs. Eine schlanke Frau mit kurzen blonden Haaren sah überrascht von dem Modemagazin hoch, in dem sie geblättert hatte.

Vasquez hatte aus dem Anwaltsverzeichnis des Martindale-Hub-bell Law Directory und aus der Akte der gegen Jager vor der Anwaltskammer des Staates Oregon vorgebrachten Beschwerden eine Menge über die Anwältin erfahren. Nach einem guten Abschluss an einer juristischen Fakultät hatte sie für ein anständiges Gehalt bei einer mittleren Kanzlei gearbeitet. Es gab keine Probleme bis kurz vor ihrer Scheidung, als ein Mandant sich über Unregelmäßigkeiten auf seinem von ihr verwalteten Treuhandkonto beklagte und plötzlich Gerüchte über Fremdmittelmissbrauch die Runde machten. Jager verlor für ein Jahr ihre Zulassung und wurde entlassen. Als sie dann wieder praktizieren durfte, eröffnete sie ihre eigene Kanzlei. Ihre Geschichte war der von Walter Stoops sehr ähnlich, und Vasquez fragte sich, ob Cardoni seine Anwälte fand, indem er die Beschwerden gegen Mitglieder der Anwaltskammer durchging.

»Ms. Jager? Ich bin Bobby Vasquez. Wir haben miteinander telefoniert.«

Die Anwältin stand schnell auf, kam um ihren Schreibtisch herum und streckte ihm eine feuchte Hand hin. Vasquez bemerkte ein leichtes Zittern.

»Ich hoffe, Sie haben draußen nicht zu lange gewartet«, sagte sie nervös. »Meine Sekretärin hat die Grippe, die gerade umgeht.«

Bobby lächelte mitfühlend, obwohl er sich sicher war, dass es überhaupt keine Sekretärin gab - und kaum Aufträge, dem Zustand von Jagers Eingangskorb und dem sehr aufgeräumten Schreibtisch nach zu urteilen.

»Ich würde mich gern mit dem Besitzer eines Grundstücks in Verbindung setzen, das Sie vor etwa zwei Jahren für International Properties, eine von Ihnen gegründete Gesellschaft, erworben haben«, sagte Vasquez, als sie Platz genommen hatten.

Jager runzelte die Stirn. »Das war eine Farm, nicht?«

Vasquez nickte und sprach stumm ein Dankgebet dafür, dass er Jager vor der Polizei ausfindig gemacht hatte und sie nicht wusste, dass das Anwesen, das sie gekauft hatte, als Schlachthaus missbraucht worden war.

»Ich würde Ihnen gerne helfen, aber ich habe keine Ahnung, wem das Anwesen gehört. Der Besitzer setzte sich brieflich mit mir in Verbindung. Ich wurde dafür bezahlt, International Properties zu gründen mit dem einzigen Zweck, dieses Land zu kaufen. Mein Vorschuss und das Geld für das Anwesen wurden in Bankschecks bezahlt. Die Besitzurkunde schickte ich an ein Postfach in Kalifornien.«

»Wenn Sie mir den Namen des Besitzers nennen würden, könnte ich versuchen, ihn aufzuspüren.«

»Ich kenne den Namen nicht. Die Anweisungen waren nicht unterschrieben.«

»Das klingt alles sehr mysteriös.«

»Schon, aber es ist völlig legal.«

»Natürlich.«

Vasquez zögerte und verhielt sich dann wie jemand, dem eben etwas eingefallen war.

»Könnte ich Ihre Akte sehen? Vielleicht findet sich darin ein Hinweis auf die Identität des Besitzers.«

»Ich weiß nicht, ob ich das tun darf. Die Informationen in der Akte sind vertraulich.«

Vasquez beugte sich vor und senkte die Stimme, obwohl er mit der Anwältin allein war.

»Ms. Jager, mein Mandant möchte dieses Anwesen unbedingt erwerben. Er hat mich ermächtigt, Sie für Ihren Zeitaufwand und für angemessene Kopierkosten zu entschädigen. Ich glaube nicht, dass hier ein Problem entstehen könnte. Die meisten Angaben sind sowieso öffentlich zugänglich.«

Die Erwähnung von Geld ließ Jager hellhörig werden.

»Ich verlange einhundertfünfzig Dollar pro Stunde.«

»Das scheint nicht zu viel.«

Jager zögerte, und Vasquez wusste, dass sie unbedingt mehr Geld herausschlagen wollte. Er hoffte nur, dass sie es nicht übertrieb. Bis die Jaffes ihn engagierten, gingen alle Ausgaben auf seine Rechnung.

»Meine Kopierkosten sind ziemlich hoch. Ich brauchte zusätzliche fünfzig Dollar, um sie zu decken.«

»Okay.«

Vasquez legte zweihundert Dollar auf den Schreibtisch.

»Kann ich die Akte sehen?«

Jager drehte sich mit ihrem Stuhl und zog einen braunen Aktendeckel aus einem Schrank hinter ihrem Schreibtisch. In der Akte fand Vasquez Kopien von Dokumenten, die er bereits im Archiv von Multnomah County gesehen hatte. Er bat nur um Kopien der Schecks. Jager verschwand für ein paar Minuten. Danach gab sie ihm einen Stapel Fotokopien.

»Was ist denn so wichtig an dieser Farm?«, fragte Jager. »Sie sind schon der Zweite, der sich für sie interessiert. Soll das Grundstück parzelliert werden?«

»Es hat sich noch jemand nach dem Anwesen erkundigt?“

»Ja, vor ungefähr einer Woche.«

Vasquez verstaute die Kopien und zog ein Foto von Cardoni aus seiner Aktentasche.

»War das dieser Mann?«

Jager betrachtete kurz das Foto. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Der Mann, der zu mir kam, war blond und sah anders aus. Eher wie ein Russe.«

»Wie groß war er?«

»Über einsachtzig.«

»Sagte er, dass er das Anwesen kaufen wolle?«

»Nein. Er interessierte sich eher dafür, wie es seinerzeit gekauft wurde.«

»Können Sie mir noch mehr über ihn sagen?«

»Nein, er kam einfach und erkundigte sich nach der Farm.«

»Haben Sie ihm die Akte gezeigt?«

»Ja.«

Vasquez war mit seiner Weisheit am Ende. Wer sollte sich sonst noch für die Farm interessieren?

Vasquez gab Jager seine Visitenkarte und noch einmal fünfzig Dollar.

Zehn Minuten später telefonierte Vasquez mit Amanda Jaffe.

»Hatten Sie schon Gelegenheit, mit Ihrem Vater über mich zu reden?«, fragte er wissbegierig.

»Ich bin die federführende Anwältin in Dr. Castles Fall, und deshalb ist es meine Entscheidung.«

»Hören Sie, ich weiß, dass Sie sich noch nicht sicher sind, aber ich bin gut und habe immer einen Vorsprung vor der Polizei.«

Vasquez berichtete eifrig, was er bei seinem Treffen mit Mary Ann Jager erfahren hatte. Amanda hörte nur mit halbem Ohr zu, bis Vasquez ihr erzählte, dass sich auch ein anderer Interessent nach dem Anwesen erkundigt hatte.

»Glauben Sie, dass er nur an einem Kauf der Farm interessiert war?«, fragte Amanda.

»Ich weiß es nicht. Ich habe Jager ein Foto von Cardoni gezeigt. Der Mann, der zu ihr ins Büro kam, war so groß wie er, aber sie sagte, er habe anders ausgesehen.«

»Wenn Cardoni noch lebt, hat er sich möglicherweise einer Gesichtsoperation unterzogen.«

»Wenn er noch lebt, dann finde ich ihn. Egal, wie er aussieht.«

Vasquez' Entschlossenheit erleichterte Amanda die Entscheidung. Auch wenn Frank dem Detective nicht traute, sie tat es. Er war ganz versessen darauf, Vincent Cardoni zu schnappen, und eine solche Motivation war unbezahlbar.

»Mr. Vasquez, ich glaube, Sie können Dr. Castle helfen. Ich will, dass Sie für mich arbeiten.«

»Sie werden das nicht bedauern. Was soll ich tun?«

»Serienkiller verfeinern, wie man weiß, ihre Technik. Unser Mörder hat eine einzigartige Vorgehensweise zweimal angewendet. Ich möchte, dass Sie herausfinden, ob er sie zuvor schon einmal angewendet hat. Fangen Sie an mit der Suche nach ungelösten Mordfällen, bei denen es Gräberfelder gab. Vielleicht finden Sie ein weiteres Anwesen, das auf ähnliche Art erworben wurde. Vielleicht haben wir Glück und Cardoni hat einen Fehler gemacht, der uns hilft, ihn zu überführen.«

Amanda Jaffe 01 - Die Hand des Dr Cardoni
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